Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Liebe Noch-Schüler!

 

Schimpft ihr über euren 5-6-Stunden-Tag, die Hausaufgaben, die Klausuren, und verflucht ihr eure Lehrer und evtl. sogar eure Mitschüler? Hofft ihr auf ein besseres Leben nach dem Abitur mit weniger Zwang und Kontrolle, mehr Freizeit und Parties und vielen netten Bekanntschaften? – Dann studiert nicht!!! (zumindest dann nicht, wenn ihr euer Studium irgendwann einmal erfolgreich abschließend wollt.)

Ihr werdet ins kalte Wasser geschmissen und müsst kräftig strampeln, um nicht unterzugehen. Weit und breit ist kein Land in Sicht und eure Hilferufe werden nicht erhört.

Euch wird kein Ansprechpartner mehr zur Verfügung stehen, der euch Tipps für eure Studienlaufbahn geben kann. Die wenigen Anlaufstellen sind entweder gerade geschlossen, überfüllt, inkompetent, unfreundlich oder, wie meistens, alles zusammen.

Habt ihr euren Stundenplan dann doch endlich einigermaßen zusammengesucht, in der Hoffnung, dass er alle Pflichten abdeckt, ergibt sich nicht selten das Bild eines 12-Stunden-Tages, vollgestopft mit Vorlesungen, Seminaren, AG´s, Übungen, Sprachkursen, Referatserstellungen, sowie Wiederholen und Vorarbeiten des Stoffes, was von den Professoren als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Wenn es dann endlich (?) richtig losgeht und ihr nach mindestens drei Versuchen den Raum gefunden habt, in dem eure Veranstaltung stattfindet, so ist dieser wahrscheinlich zunächst einmal hoffnungslos überfüllt. Nach ca. 2-3 Wochen lichten sich die Reihen dann allerdings gewaltig. Jeder nutzt seine Freiheit "der Veranstaltung beizuwohnen oder fernzubleiben" (Hinweis der Professoren am Anfang des Semesters). Diese Freiheit ist jedoch ein zweifelhafter Vorteil, denn den Stoff der Veranstaltung muss man sich nun selbst aneignen, da er nicht, wie in der Schule, `zigmal wiederholt wird. Daraus resultiert, dass sich die vorzubereitenden Textseiten (DIN A4) von wenigstens 15 auf mindestens 30 erhöhen – für dieses eine Fach...!

Seid ihr, wie am Anfang noch üblich, wenigstens 15 Minuten vor Beginn der Vorlesung oder des Seminars im betreffenden Raum, so wird euch die eisige Kälte des studentischen Klimas umgeben. Jeder kramt in seinen Sachen, keiner wagt den anderen anzublicken oder ihn gar anzusprechen. Wagt ihr es dennoch, bekommt ihr meistens eine sehr einsilbige Antwort. Nur wenn ihr ganz großes Glück habt, geratet ihr vielleicht an jemanden, der froh ist, dass ihr das Schweigen endlich brecht und evtl. kann sich daraus ein erster Halt in dem von Konkurrenz und Anonymität geprägten Studentendasein entwickeln.

Hat man somit endlich jemanden gefunden, der nicht "ganz anders redet", besteht die Möglichkeit, dass man sich auch auf Lerninhalte konzentrieren kann, weil man sich nicht mehr so völlig fehl am Platze fühlt. Das will allerdings noch lange nicht heißen, dass man den zu lernenden Stoff auch versteht. Man schreibt sich die Finger wund und weiß nicht, worum es geht. Daher erfordert es enorm viel Eigeninitiative und Überwindung, den Stoff nachzuarbeiten, damit man nicht auf der Strecke bleibt. Schließlich bekommt man die Scheine nicht "nachgeschmissen", sondern muss auch hier in nur einer Klausur das gesamte Wissen des Semesters beherrschen, um den ganzen Sch... nicht noch einmal machen zu müssen.

Hat man am Ende des Semesters endlich alle Klausuren hinter sich gebracht, freut man sich auf die Semesterferien. Es mag euch verlockend erscheinen, zwei bis drei Monate Ferien zu haben, aber an der UNI handelt es sich dabei leider nur um "vorlesungsfreie Zeit". Das bedeutet: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Hausarbeiten wollen geschrieben werden. Fragt sich nur: WIE?

Es gilt das Motto: wissenschaftliches Arbeiten. Berge von Literatur müssen gesucht und durchgearbeitet, die entscheidenden Aussagen herausgezogen und passend gegliedert werden. Ganz wichtig: die Form einhalten! Welche Gliederungszeichen sind zu benutzen (1.1.1 oder lieber A.I.1..., wobei zu beachten ist, dass auf ein a auch ein b folgen muss)? Wie ist die korrekte Zitierweise bei den Fußnoten (kommt nach dem Autor Komma oder Punkt, welche Kurztitel muss man benutzen, a.a.O. oder ebd. usw.)? Es gilt, den Korrekturrand, den Zeilenabstand und die Schriftgröße genau einzuhalten, da schon minimale Abweichungen Abzug bedeuten.

Ob sich die ganze (ca. 4-5-wöchige) Mühe letztlich ausgezahlt hat, erfährt man erst Wochen nach der Abgabe (also setzt eure Lehrer nicht so unter Druck, sie sind doch wirklich schnell!).

Natürlich ließen sich noch weitere weniger schöne Begebenheiten schildern, wie z.B. der erste, bereits am Katalogsystem scheiternde Bibliotheksbesuch, oder die Äußerungen einiger fürchterlich netter Dozenten ("das germanistische Institut ist sowieso ein besseres Obdachlosenheim" u.ä.), aber ich will euch ja nicht völlig schockieren.

Macht euch lieber keine Illusionen über das Studentendasein, denn ohne "drinzuhängen" kann man es sich kaum vorstellen. Ich würde euch aber auf jeden Fall raten, eine Lehre nicht von vornherein auszuschließen, denn ein Studium ist wirklich kein Zuckerschlecken. Das soll natürlich nicht heißen, dass man in einer Lehre alles geschenkt bekommt!

Ich hoffe für euch, dass ihr die richtige Entscheidung trefft bzw. getroffen habt (kleiner Tipp für jetzige Abiturienten: erkundigt euch früh genug, ob ihr euch für irgendwelche Seminare anmelden müsst, sonst könnte es nämlich passieren, dass ihr keinen Platz mehr bekommt.) Falls ihr meint, dass das Studium für euch das Richtige ist, lasst euch nicht unterkriegen, haltet die Ohren steif und macht den Mund auf!

 

Mit besten Wünschen

Ilka H.

 

 

 

Räume verlässt man am besten immer durch die Tür...  

 

 

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