Nachdem Minka nicht mehr da war, war allen ziemlich schnell klar, dass möglichst bald eine neue Katze her musste. Zu sehr hatte man sich an einen tierischen Hausbewohner gewöhnt.. Diesmal sollten es sogar zwei sein – ein Männchen und ein Weibchen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter hatten sich schon vor Wochen nach kleinen Kätzchen umgehört. Allerdings wollten sie den anstehenden Geburtstag meiner Mutter noch abwarten, bevor sie sich ein kleines Kätzchen holten, da eine größere Feier zu diesem Anlass geplant war und meine Mutter dem Kätzchen den damit verbundenen Trubel ersparen wollte. Außerdem wollte sie die Kleine zunächst ein bisschen im Haus halten, bevor sie den Garten erkunden dürfen sollte.

Am Tag nach der großen Feier – ich war extra dafür nach Hause gekommen, da ich ja normalerweise nicht mehr Zuhause wohne – fuhren meine Mutter und ich in den Nachbarort, wo eine Bekannte mehrere sechs Wochen alte Kätzchen zu verschenken hatte. Als wir in der Wohnung ankamen, lärmte im Korridor ein Papagei mit drei Kindern um die Wette, eine große Katze – also offensichtlich das Muttertier – und ein Hund balgten um ein Stofftier, aber von Jungkatzen keine Spur. Dann öffnete die Hausherrin ein Zimmer, in dem in einem – dem Anschein nach von den Kindern – liebevoll mit Kissen, Decken und Spielzeug ausgestatteten Körbchen drei kleine Kätzchen lagen bzw. drumherum tobten. Wir beobachteten das Treiben eine Weile, bevor meine Mutter sich eines der schwarz-weißen Kätzchen aussuchte. Gemeinsam mit der Hausherrin versuchte sie herauszufinden, ob es sich bei der Wahl um ein Männchen oder ein Weibchen handelte. Schließlich einigten sie sich darauf, dass es ein Weibchen wäre, und meine Mutter drückte mir das Würmchen in die Hand, während mir die inzwischen wieder aufgetauchten Kinder des Hauses haarklein ihre bisherigen Erlebnisse mit den Katzen schilderten. Bevor wir gingen warnte uns die Hausherrin noch, mit der Kleinen unbedingt noch mal zum Tierarzt zu gehen, da das Muttertier von ihren Auflügen Flöhe angeschleppt hätte, die jetzt auch die Kleinen plagten. Aber das hatte meine Mutter ohnehin vorgehabt. 

Während der Rückfahrt saß die Kleine auf meinem Schoß und reckte ihren Hals neugierig aus dem Fenster, um alles genau zu verfolgen. Dabei „sagte“ sie nichts, war aber kaum festzuhalten, weil sie in ihrem Wissensdurst ständig höher hinaus wollte. Zuhause angekommen zeigte ich sie zuerst meinem Bruder, der ihren Anblick mit „Ist die süüüßßß!“ kommentierte. Ich setzte die Süße im Wohnzimmer aufs Sofa und wartete, was passieren würde. Erst guckte sie nur neugierig umher, doch schon ein paar Minuten später sprang sie vom Sofa und erkundete den unteren Teil des Hauses, was, wie meine Mutter meinte, schon anstrengend genug für so ein kleines Wesen war, zumal wir davon ausgingen, dass sie die Treppe noch nicht schaffen würde. Irgendwann war sie plötzlich unauffindbar verschwunden. Bei meiner Suche im Haus fand ich sie schließlich auf der Treppe auf halbem Weg nach oben – von wegen, sie schafft die Treppe noch nicht! Oben angekommen erkundete sie auch diesen Teil des Hauses, bevor sie sich langsam ihren Weg wieder nach unten bahnte und ins Wohnzimmer zurück kam. Allein schaffte sie es aber noch nicht aufs Sofa, also hob ich sie hoch und sie kletterte auf meinen Schoß, um sich dort einzukuscheln und zu schlafen, bis mein Vater kam, der von ihrem Anblick ebenfalls ganz verzückt war.

 

 

Am späten Nachmittag musste die Kleine zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren, dass da Leben doch nicht so toll ist. Wir fuhren mit ihr zur Tierärztin. Zum einen, um endlich zu erfahren, ob sie wirklich eine „sie“ war oder doch ein „er“, zum anderen, weil sie ja laut ihrer Vorbesitzerin mit Flöhen geplagt war und eigentlich sowieso mal durchgecheckt werden sollte. Die Tierärztin stellte zuerst mal fest (wobei die Kleine es ihr auch nicht gerade leicht machte), dass unser Kätzchen ein kleiner Kater war, den meine Mutter nun spontan Toby taufte, „weil er im Haus schon so rumgetobt ist“, aber außer den Flöhen war Toby vollständig gesund.

Ursprünglich hatten meine Eltern geplant Toby nicht vor 12 Wochen nach draußen zu lassen, aber ihrer eigenen Unachtsamkeit beim morgendlichen Frühstück auf der Terrasse sei dank, war er nur zehn Tage nach seinem „Einzug“ bei uns, also im zarten Alter von neuneinhalb Wochen bereits im Garten. Zum Glück blieb er vorläufig dort bzw. ließ sich – bei einer Katze sehr erstaunlich, wenn normalerweise nicht sogar unmöglich – wie ein Hund wieder zurück pfeifen, wenn er doch mal Richtung Straße laufen wollte. Bei seinen von da an regelmäßigen Spielereien im Garten jagte er wie der Blitz die Bäume rauf und runter, bis er eines Morgens kläglich mauzend ausgerechnet im höchsten Baum saß und nicht wusste, wie er wieder runterkommen sollte. Zuerst versuchte mein Vater ihn mit der Leiter bewaffnet zu erreichen, aber er war zu klein.  Eine Stunde später musste dann mein Bruder, der um einige Zentimeter größer ist als mein Vater, in den Baum klettern. Er erwischte Toby nur mit Mühe und Not und brachte ihn sicher auf den Boden der Tatsachen zurück. Nach diesem Vorfall traute sich Toby für zwei Tage nicht nach draußen, doch dann packte ihn seine Abenteuerlust erneut und er sprang wieder durch die Bäume. Und natürlich saß er des öfteren in selbigen fest und wusste nicht, wie er wieder runterkommen, so dass ihn ständig jemand angeln musste. Dies ging für ungefähr eine Woche so weiter, bis eine Freundin meiner Mutter erzählte, dass Toby das durchaus auch mit Absicht täte, weil er sich ja darauf verlassen könnte, dass über kurz oder lang jemand kommen und ihn aus dem Baum holen würde. Sie meinte, wer hoch käme, käme auch wieder runter und meine Mutter sollte ihn einfach mal da oben schmachten lassen. Meine Mutter hatte zwar ein schlechtes Gefühl bei der Sache, weil sie sich vorkam, als „würde ich mein Kind im Stich lassen“, aber ihre Freundin sollte recht behalten. Es dauerte ein bisschen, aber irgendwann stand Toby, der kurz vorher noch kläglich mauzend im Baum gehockt hatte wieder hinter ihr und verlangte nach etwas zu fressen.

Trotz allem Spaß und den zeitweiligen kleinen Sorgen, die wir mit unserem kleinen Katerchen hatten, blieb die Frage nach einer zweiten Katze bestehen. Das Problem war allerdings, dass diese nicht zu alt oder zu jung sein und die Entscheidung sich nicht mehr allzu lang hinziehen durfte, da sonst die Gefahr eines Konkurrenzkampfes zwischen den beiden weiter steigen würde. Kleinere Reibereien würde es immer geben, wie bei menschlichen Geschwistern auch, da die beiden wie Geschwister leben würden, doch wenn einer von beiden beträchtlich älter wäre, sänken die Chancen des Jüngeren auf Akzeptanz enorm. Ob wir ein Männchen oder ein Weibchen nehmen sollten, so hatten uns Leute mit Erfahrung gesagt sei weitestgehend egal, solang beide Tiere kastriert bzw. sterilisiert seien. Meine Mutter quälte zudem die Sorge, dass Toby ihr die Anschaffung einer weiteren Katze übelnehmen und sich nicht mehr genug geliebt fühlen könnte. Vorläufig war allerdings nichts Passendes zu finden, und Toby konnte allein das Haus und dessen nähere Umgebung unsicher machen.

 

    

 

 

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