Vier Wochen später war ich zufällig wieder bei meinen Eltern, und die Frage, ob eine zweite Katze dazu kommen sollte, war immer noch nicht endgültig geklärt. Allerdings hatten meine Eltern in einem 40km entfernten "Nachbar"ort einen ToT eines Tierheims aufgetan und wollten sich bei der Gelegenheit umschauen, ob dieses etwas Passendes zu bieten hatte. Das Tierheim an sich war ansprechend, doch leider hatte die Leiterin Vorstellungen, die zum Himmel schrien, also verzichteten wir darauf, ein Tier mitzunehmen. Nur eine Woche später machten wir uns auf den Weg zu einem anderen, ebenso weit entfernten Ort, um in einem dortigen Tierheim einen weiteren Hausgenossen zu suchen. Diesmal waren auch die Vorstellungen der Leiterin im normalen Bereich, also ließen wir – meine Eltern und ich – und die Gehege mit den Katzen zeigen. Bei deren Anblick hätte ich mal wieder am liebsten alle mitgenommen, aber das war natürlich völlig unmöglich. Meine Eltern wollten am liebsten diesmal ein Weibchen – ein Kater sprang ja schließlich schon Zuhause rum –, das möglichst in einem ähnlichen Alter wie Toby sein sollte. Zwar waren relativ viele Weibchen vorhanden, aber sie waren eindeutig wesentlich älter als Toby, und ein älteres männliches Tier kam wegen des drohenden Konkurrenzkampfes, den Toby schon aufgrund seines Alters verlieren musste, nicht in Frage. Wir schauten uns eine Weile um und hätten spontan auch mehrere der Tiere gerne mitgenommen, wenn Zuhause nicht schon jemand gewartet hätte, aber etwas wirklich Passendes fanden wir zunächst nicht.

 

 

Dann fiel der Leiterin plötzlich ihr "Findelkind" ein, das der örtliche Tierarzt am Abend zuvor abgeliefert hatte. Sie öffnete einen erhöht stehenden Käfig und holte ein winziges,  strubbeliges, halb verhungertes und kläglich maunzendes Fellbündel heraus und setzte es mir auf den Arm. Der kleine Kater zitterte wie Espenlaub und versuchte sich in meinem T-Shirt zu vergraben. Dabei maunzte er so kläglich, dass ich ihn wie ein Kind durch sanftes Zureden und Streicheln zu beruhigen versuchte. Das glückte auch, allerdings nur so lang, wie ich ihn auf dem Arm hielt. Sobald ich versuchte ihn abzusetzen, fing er wieder von vorne an. Die Leiterin erzählte uns, dass der Tierarzt den Kleinen gefunden hatte und zunächst bei sich aufgenommen hatte, um ihn gründlich zu untersuchen (außer der Unterernährung schien ihm nichts zu fehlen), dann hatte er ihn ins Tierheim gebracht. Doch die älteren Katzen dort waren sofort auf ihn losgegangen und hatten ihn obendrein am Fressen gehindert, so dass die Leiterin sich schließlich gezwungen sah, ihn in den Käfig zu sperren, damit er die Nacht überlebte.

Meine Eltern und ich blickten ein paar Mal zwischen uns hin und her, dann war klar: den Kleinen nehmen wir mit. Die Leiterin machte also die Papiere fertig und wollte ihn dann in einen Transportkäfig – sowas hätten wir auch dabei gehabt – stecken, doch er sträubte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Pfoten dagegen – verständlich nach der Nacht. Irgendwann gab sie auf und gab ihn mir wieder auf den Arm, wo er sich sofort wieder hilfesuchend einkuschelte. Im Auto ließ er sich dann doch in unseren mitgebrachten Transportkäfig setzen und beruhigte sich auf der Heimfahrt allmählich. Doch der Moment, den vor allem meine Mutter fürchtete, stand uns noch bevor, denn weder der Kleine, den meine Mutter "Rambo" taufte, noch Toby, der Zuhause wartete, ahnten von ihrem Glück einer Begegnung. Es war kaum vorauszusehen, wie die beiden auf den jeweils anderen reagieren würden, aber – so viel hatten Bekannte meinen Eltern schon gesagt – wir mussten damit rechnen, dass die beiden sich erst mal attackieren und eine Rangordnung ausfechten würden.

Zuhause angekommen stellten wir den geöffneten Transportkäfig im hinteren Wohnzimmer auf den Boden. Nach ein paar Minuten lugte Rambo vorsichtig raus, bevor er sich traute sein neues Heim zu inspizieren. Doch mittlerweile hatte auch Toby bemerkt, dass wir zurück waren und kam neugierig ins Zimmer. Als er Rambo entdeckte, knurrte er ihn böse an, doch der war noch viel zu sehr damit beschäftigt sich umzusehen. Dann nahm Toby Anlauf, stürzte sich mehrmals auf den völlig verdatterten Rambo und biss ihn in den Nacken. Irgendwann konnte ich mir das nicht mehr mit ansehen, nahm den kleineren von beiden auf den Arm und verzog mich mit ihm ins Wohnzimmer. Toby verzog sich beleidigt nach oben und ließ sich die nächsten drei Stunden nicht mehr blicken.

In den folgenden Tagen änderte sich Tobys Verhalten Rambo gegenüber nicht wesentlich, so dass meine Mutter nahe dran war,  Rambo wieder zurückzugeben. Doch eine Bekannte, die selbst drei Katzen besaß, riet ihr Geduld zu haben. Erst wenn die beiden sich innerhalb von 14 Tagen immer noch ständig angreifen würden, müsste man darüber nachdenken, Rambo wieder abzugeben.

Schlussendlich dauerte es fast zehn Tage, bis die beiden sich soweit aneinander gewöhnt hatten, dass man in den Angriffen und Gegenangriffen tatsächlich Balgerei erkennen konnte. Seitdem ist in dem Haus meiner Eltern allerdings auch nichts mehr sicher vor ihnen.
Toby hatte anfänglich seine eigenen Instinkte zwar noch nicht so ganz verstanden: er saß auf der Mauer der Terrasse und ihm gegenüber ein – vermutlich – ebenso kindlicher Vogel. Beide schauten sich nur an und gingen vorsichtig aufeinander zu, auch wenn die Vogelmutter vom Baum aus schimpfte wie ein Rohrspatz. Aber die beiden "Kinder" interessierte das wenig. Sie ließen sich ohnehin in Ruhe. Dafür brachte Toby Rambo bald bei, wie man am besten welche Bäume rauf – und natürlich auch wieder runter – kommt. Zusammen machten sie sich den Kater der Nachbarn gefügig, vor dem Toby ein paar Wochen vorher noch gekuscht hatte – schon weil das Tier doppelt so groß und doppelt so dick war wie er.

Was die beiden außerdem einte – so ungewöhnlich das für Katzen war – war die Liebe zu Wasser. Genauer gesagt zum Spülwasser meines Vaters. Regelmäßig hockten sie entweder zwischen den schmutzigen Tellern oder auf der nassen Spüle und versuchten den Schaum irgendwie einzusammeln oder den Strahl aus dem Wasserhahn zu fangen bzw. abzubeißen. Oder sie versuchten das Wasser zu bekommen, das die Spülmaschine gelegentlich ins Spülbecken pumpte. Neuerdings scheint es zumindest Toby zur Angewohnheit gemacht zu haben im Spülbecken zu schlafen, um auch ja nichts zu verpassen. Rambo dagegen schien sich mehr und mehr auf die Schränke zu spezialisieren, insbesondere den Kühlschrank, so dass man immer einen Kontrollblick in selbigen werfen musste, bevor man die Tür wieder schloss.

Ein absolutes Novum erlebten wir dann zum Weihnachtsfest. Nicht die Tatsache, dass die Kater mit den Geschenkbändern oder den Papierresten spielten, das kannten wir von Minka schon. Auch nicht, dass sie die unten hängenden Kugeln zu erreichen versuchten, auch das hatte Minka seinerzeit bereits versucht. Nein, zum allerersten Mal – die Zeit, als wir Kinder noch klein waren, eingeschlossen – mussten meine Eltern den Baum anbinden, um nicht von ihm erschlagen zu werden. Die beiden Miezekater hatten nämlich nichts Besseres zu tun, als in den Baum zu springen und zu versuchen auch die ganz oben aufgehängten Kugeln zu angeln. Eines Morgens durfte meine Mutter feststellen, dass Toby und Rambo über Nacht die unteren 3/4 des Baumschmucks abgeräumt und auf dem Fußboden verteilt hatten. Da half kein Schimpfen und keine Wasserspritze, die Kater hatten den Baumschmuck zu ihrem Erzfeind erklärt, der dringend entsorgt werden musste.
Zimmerpflanzen schienen – und scheinen – die beiden generell nicht besonders zu mögen. Diverse Exemplare dieser Lebewesen im Hause meiner Eltern sind mittlerweile schwer angeknabbert, zerfleddert oder einfach nur umgehauen worden. Letzteres aber vermutlich deshalb, weil die Kater noch nicht verstanden haben, dass sich nicht jeder "Baum" zum Reinspringen eignet – was teilweise auch mit ihrer mittlerweile erreichten Statur zusammenhängen dürfte.

 


Aber während Toby von Anfang an äußerst verschmust war und sich quasi jedem auf den Schoß schmiss, der das zuließ – mittlerweile hat er das auch etwas eingeschränkt – ließ sich Rambo, außer von den Familienmitgliedern, nur von zwei, drei weiteren Personen anfassen. Das ist auch bis heute weitestgehend so geblieben, aber sein Vertrauen in Fremde wächst. Angesichts dieses Verhaltens wagt man nicht zu überlegen, welche Erfahrung der Kleine in seinen ersten Lebenswochen gemacht haben muss.

 

 

 

Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!