Leider geht auch das längste Haustierleben einmal zuende. In Minkas Fall am 24. Mai 2003. Am Abend vorher erhielt ich einen Anruf von meinem Vater, der mir mit gebrochener Stimmer mitteilte, dass sie am nächsten Morgen eingeschläfert werden müsste. So hatte ich ihn noch nie gehört, und das war ein ziemlicher Schock für mich. Wir wussten zwar seit mehreren Wochen, dass Minka schwer krank war (ihre Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, und da man eine Katze im Gegensatz zum Menschen nicht an die Dialyse anschließen kann, bedeutete dies, dass sie sich langsam aber sicher selbst vergiftete), aber dass es jetzt so schnell zuende gehen sollte, war selbst für meinen sonst so hartgesottenen Vater zu viel. Wir unterhielten uns ein paar Minuten, wobei sowohl er als auch ich mit den Tränen kämpfte, bis er plötzlich meinte, er könnte nicht mehr weitersprechen und möchte das Gespräch lieber beenden. Meine Mitbewohnerin klebte gerade gebannt vor dem Fernseher, also verzog ich mich im Bad, um erst mal zu heulen. Lange hielt ich es dort allerdings nicht aus. Ich ging zurück und verkroch mich unter der Bettdecke. Meine Mitbewohnerin ließ das kalt, außer einem genervten "Geht’s?" kam nichts von ihr. Irgendwann – sie hatte sich inzwischen ins Bett gelegt – hielt ich auch diese Situation nicht mehr aus, also rannte ich raus und setzte mich heulend vors Haus – zumindest hatte sie mich erstaunt gefragt, wo ich um die Uhrzeit noch hinwollte, aber mir war das mittlerweile auch egal. Vorm Haus stromerte eine Katze herum, die mein Weinen offensichtlich gehörte hatte, denn sie kam zu mir und schmuste solange an mir herum, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. Auf der einen Seite hatte das unheimlich gut getan, auf der anderen Seite erinnerte es mich daran, dass Minka das auch immer getan hatte, wenn es einem schlecht ging, und ich fing wieder an zu heulen. Natürlich kam die Katze wieder zurück, um mich nochmals zu trösten. Dann verzog sie sich wieder und ich beschloss woanders hinzugehen, um ihr nicht ihre Beutezüge zu vermiesen (natürlich kann man vor Trauer und Schmerz nicht weglaufen, aber wenn ich – wie sonst für mich üblich – angefangen hätte, die Wohnung umzudekorieren, wäre ich sicherlich von den Nachbarn getötet worden, immerhin war es fast 2 Uhr nachts). Ich setzte mich für ca. zwei Stunden vor der Russischen Kirche auf den Fußweg und schwankte zwischen heulen, wenn ich alleine war, und enttäuscht gucken, wenn jemand vorbei kam, bevor es mir dort zu kalt wurde und ich mich wieder auf den Heimweg machte. Wieder Zuhause wurde ich von meiner Mitbewohnerin empfangen, die mich angesäuert fragte, wo ich denn verdammt noch mal gewesen wäre. Sie hätte mich schon gesucht und sich ernste Sorgen gemacht, dass ich mir etwas antun könnte, weil ich so komisch gewesen wäre, als ich ging. Endlich war auch ihr aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Nachdem ich ihr erzählt hatte, was mich bedrückte, schlug sie vor, das Konzert, das wir am nächsten Tag besuchen wollten, sausen zu lassen, aber ich lehnte ab – ich durfte auf keinen Fall daheim hocken und Zeit zum Nachdenken haben!

 

 

Am nächsten Tag begann ich mit Phase 1 meiner – ausschließlich an mir selbst erprobten – Therapie gegen Kummer: totale Ignoranz. Das bedeutete, dass ich in der Wohnung alles aus meiner Sichtweite entfernte, was mich an Minka erinnerte – das waren hauptsächlich Fotos von ihr. Anschließend fuhren wir zu dem lang geplanten Prinzen-Konzert in Halle / Saale. Von dem Konzert selbst bekam ich allerdings nicht viel mit, außer, dass die Band tatsächlich spielte, weil ich mich die meiste Zeit von meiner Mitbewohnerin trösten lassen musste, aber es tat gut, nicht grübelnd Zuhause sitzen zu können. Nach dem Konzert ging es mir wieder etwas besser.

Eine Woche später ging ich dann zu Phase 2 meiner Therapie über: Konfrontation. In diesem Falle war ich mit meiner Mitbewohnerin in deren Heimatort, weil in der Nähe  das nächste Konzert stattfand. Auf dem Bauernhof der Nachbarn gab es jede Menge kleine Kätzchen, die zu diesem Zeitpunkt zwischen 7 und 21 Tagen alt waren. Meine Mitbewohnerin äußerte zwar Bedenken, ob ich mir das wirklich zumuten sollte, mir tat es einfach nur gut mit diesen Winzlingen zu knuddeln. Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen, aber das ging natürlich nicht.

Auch bei meinen Eltern tat sich etwas. Schon Tage bevor Minka eingeschläfert worden war, hatte sich mein Vater erkundigt, ob er sie in unserem Garten beerdigen dürfte. Und dort liegt sie heute, an einer ausgesuchten Stelle zwischen Blumen und vom Haus aus gut sichtbar, wenn einem danach ist.

 

 

 

 

 

 

 

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