Ungefähr Mitte September 1986, kam mein Vater eines Abends mit geheimnisvollem Blick nach Hause und meinte, er hätte uns etwas mitgebracht. Dann zauberte er unter seiner Jacke eine wunderschöne, pechschwarze Katze hervor, d.h. meine Mutter glaubte zunächst, es wäre eine Katze und taufte sie "Lady". Ein paar Tage später stellte sich dann heraus, dass unsere "Lady" doch ein "Lord" war. Für uns war dieses "Mitbringsel" insofern eine Überraschung, als dass wir bis dahin nie Haustiere gehabt hatten und es auch nicht zur Diskussion stand, ob welche angeschafft werden sollten. Mein Vater hatte den Kater im Hof seiner Arbeitsstelle rumstreunen sehen und da er scheinbar niemandem gehörte und er Angst hatte, dass das Tier dort überfahren werden könnte, nahm er ihn kurzerhand mit. Außerdem hatte meine Mutter in ihrer Jugend Katzen besessen, also war sich mein Vater sicher, dass der Kleine bei uns erst mal gut aufgehoben wäre. Wir machten natürlich trotzdem Aushänge, aber es meldete sich niemand.

Am ersten Abend waren wir alle noch etwas verschüchtert und vorsichtig. Lord, weil er seine neue Umgebung erst mal kennen lernen musste, und wir Geschwister – damals 6 und 10 –, weil uns dieses lebende Kuscheltier noch nicht wirklich geheuer war. Aber Neugier war auf beiden Seiten reichhaltig vorhanden, und so kamen wir uns in den nächsten Tagen langsam näher bzw. Lord kam uns langsam näher. So kam er z.B. immer mal wieder an und kuschelte sich an uns, wenn wir auf dem Sofa saßen, auch wenn er es dabei aufgrund unserer mangelnden Erfahrung nicht besonders leicht hatte.

 

Eines Abends saß ich vor dem Fernseher als sich Lord ganz leise zu mir schlich und sich halb neben, halb auf mein Bein legte. Intuitiv schob ich meine Hand rüber und begann ihn zu kraulen. Eine Weile ging das auch gut, bis ich – weil ich seine Körpersprache noch nicht deuten konnte – einen schmerzhaften Hieb abbekam und vor Schreck aufschrie. Lord ergriff natürlich sofort die Flucht und ignorierte mich die nächsten zwei Tage.

 

Ein anderes Mal hatte ich am Mittagstisch meinen Stuhl nicht ganz so weit rangeschoben, wie ich das sonst immer tat. Lord nutzte diese Gelegenheit natürlich sofort, um sich heimlich anzuschleichen und mir auf den Schoß zu springen. Mein erschrecktes Zucken bewegte den Kater dann aber doch zur Flucht.

 

Meinem Bruder erging es anfangs auch nicht viel besser. Er hatte sich eine Kordel geschnappt und mit dem Kater damit fangen gespielt, als der sich plötzlich in seine Hand krallte, um besser an die Kordel zu kommen. Mein Bruder schrie natürlich und der Kater flüchtete.

 

Als er einmal am Couchtisch saß und malte, sprang ihm Lord unvermittelt auf die Schulter (und ein ausgewachsener Kater wiegt gut und gerne seine 6kg). Mein Bruder ließ sich erst mal auf den Boden fallen und der Kater türmte.

 

Die einzige, die in diesen ersten Tagen keine größeren Probleme mit Lord hatte, war meine Mutter, aber sie hatte ja auch die größte Erfahrung von uns allen. Damit hatte sie aber auch am meisten zu tun, denn jedes Mal, wenn wir den Kater durch unsere unerfahrenen Reaktionen verscheucht hatten, war sie es, die uns Kindern anhand von Beispielen die Situation und vor allem die Logik der Reaktionen des Katers zu erklären versuchte, damit wir miteinander umgehen lernen konnten  – einmal Pädagoge, immer Pädagoge. Mit dem Kater hatte sie eigentlich nur ein Problem: er ließ sich mit jedem Tag schlechter im Haus halten. Nach draußen lassen wollte sie ihn allerdings nicht, aus Angst er könnte dann ganz weglaufen, was nicht sehr vorteilhaft gewesen wäre, wenn sich evtl. doch noch ein Besitzer gemeldet hätte.

 

Nach 3 Wochen wurde die Situation allerdings so schlimm, dass meine Eltern beschlossen, ihn an einen Bauernhof abzugeben, auf dem er frei rumlaufen konnte. Eine weitere Woche später taten wir dies auch, allerdings war uns allen beim Abschied so weh ums Herz, dass ganz schnell klar wurde: eine neue Katze muss her!

 

 

 

 

 

 

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